Wieso haben harte Suchtmittel so eine unglaublich grosse Macht? Wieso werden wir so willenlos in gewissen Momenten, obwohl wir wissen, wie dann das «böse Erwachen» uns noch tiefer reinzieht?
Bei harten Suchtmitteln, und dazu gehört auch eine grosse Anzahl an Medikamenten, handelt es sich um Substanzen, die schnell süchtig machen und auch das Körpersystem beeinflussen. Chemische Stoffe ziehen prägende chemische Reaktionen im Gehirn nach sich. Dies macht es dem menschlichen Willen schwer, sich durchzusetzen.
Der Wille ist stark in den Gedanken und Vorstellungen. Körper und Emotion sind aber ebenso stark und manchmal sogar stärker. Euer Wille kann schon im Alltag oft die Schranke von körperlichen und emotionalen Bedürfnissen nicht überwinden. Umso schwerer ist es, einer Sucht zu widerstehen. Die Pralinenschachtel nicht zu öffnen, obwohl der Körper danach giert und im Glauben darin, dass ein Stück davon die innere emotionale Leere füllt, braucht vielleicht einen Willen in der Stärke 2 – Sucht hingegen einen in der höchsten Stärke von 10.
Nebst allen Präventionen und Informationen, die hilfreich sind, besonders für junge Menschen und Einsteiger, ist es aus unserer Sicht am wichtigsten, diese Menschen nicht einfach zu verurteilen. Sie leiden und ihnen gebührt euer Mitgefühl. Wer hat nicht schon erlebt, dass der Wille versagt hat?
Drogen im Jugendalter werden oft aus Frustration, Neugierde oder durch Gruppendruck erstmals konsumiert. Da das Hirn jedoch bis im frühen Erwachsenenalter noch in der Formung begriffen ist, sind die Sucht- und Ausstiegswege ebenso formbar. Weil das Gehirn nicht mehr dieselbe Flexibilität hat wie in der Jugend, ist der Ausstieg bei Erwachsenen schwieriger.
Dazu kommt, dass Erwachsene, die zu harten Drogen greifen, dies meist aus einer inneren tiefen Verzweiflung heraus tun. Das Wissen um die Gefahren ist da, doch die emotionale oder alltägliche Welt ist viel zu stark aus dem Gleichgewicht. Das Leben oder eine Lebensphase an sich wird nicht mehr oder als unerträglich gefühlt. Dies gilt auch für Menschen, die nicht täglich konsumieren, sondern beispielsweise vorwiegend am Wochenende. Das Bedürfnis, sich zu entspannen, Freude zu empfinden und loszulassen scheint ohne die Droge nicht möglich.
Die innere Leere oder der überlastete Alltag finden durch den Drogenkonsum Erleichterung. Je nach Substanz kann es auch sein, dass die Leere und das Gefühl, unbedeutend und langweilig anzukommen, zum Konsum führen. Allen harten Drogen jedoch, von Kokain über Partydrogen bis zu Heroin ist gemeinsam, dass der Zugang zum Innersten, dem wahren Wesenskern, fragil ist. Es ist ein Teufelskreis.
Der Mensch fühlt sich unerträglich leer und fern von sich selbst, nimmt die Droge und fühlt sich je nach Substanz verbunden, glücklich, losgelöst, ganz oder unbesiegbar. Hernach folgt die ENT-Täuschung. Der Wille, dieses Konstrukt aufzulösen kann nicht anhaften, denn es geht nicht darum, zur Droge Nein zu sagen. Es geht darum, diesen Mechanismus klar zu erkennen und sich auf die innere Leere zu fokussieren. Weshalb ist sie da? Was genau fehlt? Wie kann sie gefüllt werden?
Manchmal ist dies nur mit professioneller psychologischer Unterstützung möglich. Aber so oder so genügt für einen Ausstieg das willentliche Nein meist nicht, sondern die Entdeckung der Ursache zeigt den Weg. Was die Droge kurz vorspiegelt, soll auf andere Weise langfristig erfüllt werden.
Ohne diese Basis bekämpft ihr Symptome und nicht den Ursprung der Sucht, oder verlagert sie auf eine neue. Der Wille fokussiert sich auf ein äusseres Ziel. Doch in die Sucht geratet ihr nicht durch falsche Ziele oder einen fehlgesteuerten Willen, sondern weil ihr etwas sucht.
Erkennt, was sie in Wahrheit verdeckt. Seid in eurem Prozess geduldig, empathisch und liebevoll mit euch selbst. Geht Schritt für Schritt und lasst Unterstützung zu, indem ihr euch gegenüber ehrlich seid und dies euren Nächsten und/oder in einem professionellen Rahmen kommuniziert.
Dass ihr euch die Sucht eingesteht, ist ein weitaus grösserer Bewusstseinsschritt als die Vorstellung, alles willentlich in den Griff bekommen zu wollen. Damit seid ihr auf einem ersten Kreuzpunkt zur Neuorientierung. Betrachtet diesen Zustand deshalb nicht als Ohnmacht. Vielmehr als neuen Weg, eine mutigere Suche danach, was euch tatsächlich fehlt.
Kommentare
Kommentar von Majù |
Auch Tiere können süchtig werden nach einer Substanz, sowohl Haustiere wie auch Wildtiere (Pflanzen, die abhängig machen). Dort geht es wohl kaum um innere Leere?
Es gibt eine Studie von eine Rinderherde in der Sömmerung auf einer Alp,: die Tiere haben an einem Sumpfgebiet eine Pflanze entdeckt. Wenn sie diese frassen sind sie in eine Art Dämmerzustand verfallen, haben viel mehr geschlafen und dadurch weniger gefressen....und dann natürlich abgemagert....dann hat man es bemerkt.
Es könnte sein, dass alle Lebewesen "süchtig" werden können, wenn sie etwas finden, das Stress reduziert.
Antwort von Astrid Spirig
Vielen Dank für die Ergänzung. Das finde ich sehr interessant.
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